Digitale Amnesie – Kolumne Absatzwirtschaft

Digitale Amnesie – Kolumne Absatzwirtschaft

Hitzetrunken von einem Spätsommernachmittag am See stolperte ich kürzlich in eine pseudo-neurowissenschaftliche Diskussion über digitale Deformation im Denken. War es die Nutzung digitaler Helfer im Alltag, die uns im Gespräch wiederholt im Oberstübchen nach Namen kramen ließ? Mein Mitschwimmer, ein Gerald-Hüther-Fan, zitierte den Schlagzeilen-König voller Inbrunst und zeigte dabei anklagend auf seine Smartwatch am Handgelenk. Wir schauen auf der Wetter-App nach, ob es draußen regnet. Sein Fitness-Tracker sagt ihm, ob sein Herz im Wasser noch schlägt. Mein Fingerring verrät mir beim Aufwachen, wie erholsam mein Nachtschlaf gewesen sein soll. Vorgekaute Meinungen überschwemmen meine Social-Media-Eingangskanäle mit einfachen Antworten auf komplexe globale Probleme. Tinder weiß, ob mein Nachbar für einen Seitensprung zu haben ist. Schlaf, liebes Hirn, schlaf ein, du kannst dich entspannt zurücklehnen.

Während er neben mir schäumte vor selbstkritischer Technologie-Reue, dachte ich kurz an meinen Finanzberater, der auf betreutes Wohnen schwört. Vielleicht doch jetzt schon investieren in die sorgenfreie Rundumversorgung? Schließlich machen Computer und digitale Geräte süchtig und einsam. Vor allem aber machen sie dumm.

In mir regte sich Widerstand, schließlich gab es solch einfache Formeln schon in den 80ern unter dem Motto „Fernsehen macht viereckige Augen, blöd, dick und gewalttätig“. Heute skandieren Technologie-Phobiker, das permanente Back-up führe zur menschlichen Erosion. Verlieren wir Souveränität im Alltag oder gleich elementare Kulturtechniken? Weder ist der Fernseher verschwunden, noch werden uns die vielen kleinen digitalen Gadgets der Neuzeit wieder verlassen. Phobiker aufgepasst: Digitale Trolle wie Alexa werden unser Hauptzugang zur Welt. Da hilft nur Gehirn einschalten und mitdenken, wie wir uns mit ihnen weiterentwickeln können.

Die nachmittägliche Amnesie am See fand eine einfache Auflösung. Eine Harvard-Studie hatte Saunabesucher ohne Flüssigkeitsausgleich auf Hirnleistung getestet. Siehe da, Menschen denken in einer extrem heißen Umgebung langsamer und weniger komplex. Entspannt klickte ich das Google-Fenster weg und setzte mich mit meinem kleinen Zweithirn in den Schatten.