Digitalisierung groß denken – Kolumne Digital Woodpecker Teletalk 3/19

Digitalisierung groß denken – Kolumne Digital Woodpecker Teletalk 3/19

Warum die Frage nach dem Geschäftsmodell wichtiger ist als der Digitalisierungsgrad

Neidisch könnte ich werden auf internationalen Konferenzen, wenn kleine Länder und große Internet-Monopole ihre Zukunftsprojekte vor uns ausbreiten, während wir in Deutschland immer noch über den Breitbandausbau diskutieren. Wie kommen wir trotz deutschem Föderalismus zu einer zeitgemäßen IT-Infrastrukturund flächendecken Versorgung mit Gigabit? Wie gelingen uns Technologiesprünge, wenn Blockchain-Offenheit ohne die Bafin nicht läuft oder Arbeiten 4.0 nicht ohne die Gewerkschaften? Wie finden wir den Weg zu einem neuen Bildungssystem, mit Blick für die Kompetenzen von morgen und Mut zum Wissensstoffwechsel? Wie schaffen wir ein innovatives Finanzierungsumfeld, das – jenseits von Anlageinvestitionen – mehr Wagniskapital in Startups steckt? Wie werden wir ohne dieses Ökosystem jemals Startup Geschichten schreiben wie Amazon und Google, die im Wert unser Wunderkind Zalando um den Faktor 10 übertreffen?

Wenn die Politik gegen innere Hürden kämpft, vielleicht kann es die Wirtschaft selbst richten. Doch wo liegt die Wahrheit in der Nabelschau zuhause, zwischen den Bildern vom Mittelstand als Rückgrat der Wirtschaft oder als Symbol für Old Economy? Immerhin ein Viertel unserer Mittelständler hält Digitalisierung rundweg für unnötig. Vielleicht geht es diesen Unternehmen einfach zu gut und täuscht die gute Situation an Wirtschafts- und Arbeitsmarkt darüber hinweg, dass traditionelle Wertschöpfung nicht mehr lange trägt. Dort wo die Diskrepanz von Selbst- und Fremdbild zur Unternehmenszukunft am größten ist, sehen die Entscheider den Wandel zwar kommen aber glauben, er ziehe am eigenen Geschäftsmodell vorbei. Weit verbreitet scheint in Deutschland der Hang, lieber vorhandene Geschäftsprozesse zu digitalisieren statt das eigene Geschäftsmodell zu überdenken. Es liegt uns näher, die IT zu optimieren oder den Papierverbrauch im Unternehmen mittels digitaler Signatur zu reduzieren. Bei uns wird digitale Transformation eher delegiert an IT als im Top Management die digitale Kompetenz zu hinterfragen.

Oft mangelt es nicht an Ressourcen oder Know How, solch grundlegenden Fragen zu stellen. Vielmehr blockieren Strukturen, Prozesse und Hierarchien. Auf dem Weg lässt sich nicht auf Erfahrungswissen zurückgreifen daher haben Führungskräfte oft keine Idee, wie sie zu Antworten finden können. Unternehmer sehen mehr Herausforderungen als Chancen, wenn die online Konkurrenz wächst, so fehlt es an mitreißenden Visionen und großen Bildern. Stattdessen werden digitale Heilsbringer eingekauft oder neue Tools eingeführt und Mitarbeiter nicht abgeholt, sondern allenfalls informiert, was sie mit welchem digitalen Gadget tun sollen.

Ich bleibe Zukunftsoptimistin und wünsche mir für deutsche Unternehmen und Unternehmer, sich ihre Hypothesen über das eigene Geschäft bewusster zu machen und neugierig zu hinterfragen:

  • Welche Rolle können wir im Leben unserer Kunden spielen, wenn sich deren Bedürfnisse verändern?
  • Wofür werden unsere Kunden dann bereit sein, uns Geld zu bezahlen.
  • Wohin verändert sich dadurch unser Geschäftsmodell?
  • Wie kann uns der technologische Wandel dabei helfen?
  • Was begeistert uns selbst an diesem Weg und wie können wir unsere Mitarbeiter anstecken?

Aktives Hineinwachsen in die Zukunft ist ein Kulturauftrag, der aktive Führung braucht, vom Top Management getrieben unter Einbeziehung aller Mitarbeiter. Auch etablierte Unternehmen können sich Startup-Kultur zu Nutze machen, die über flache Hierarchien und aktive Beteiligung rekrutieren. IT-Grundverständnis erleichtert es dem Team, mitzugestalten und verringert die Abhängigkeit von externen Spezialisten und Entwicklern. Konkrete Digitalprojekte machen die neue Welt für Mitarbeiter greifbar, die auf dem Weg neue Arbeitsweisen erproben durch Learning by Doing. Erst wenn das ganze Team die Zusammenhänge begreift, wird der Kunde zum Lustobjekt und Digitalisierung zum Sandkasten. Ich freue mich über jeden Mitarbeiter in Kundenservice, Produktion oder Logistik, der Digitalisierung nicht mehr als notwendiges Übel erlebt, sondern begeistert erzählt, was in der neuen Welt für den Kunden möglich wird.