Konferenz gegen Filterblase – Digital Woodpecker Teletalk

Konferenz gegen Filterblase – Digital Woodpecker Teletalk

Warum zwei Tage mit Übernachtung auch im digitalen Wissenszeitalter noch Mehrwert bringen

The happy secret to better work? Auswendig gelernt klingt das, was mir der geschliffene Jungstar im Ted Talk heute morgen ans Ohr schmettert. Vielleicht ist es das, was mich an TED-Speakern immer irritiert.  TEDTalks (Abkürzung für /Technology, Entertainment, Design/) sind aus einer Innovations-Konferenz in Monterey, Kalifornien entstanden, werden als Video-Vorträge kostenlos ins Netz gestellt und millionenfach angeklickt. Kurze Theaterstücke auf der Bühne, meistens spannend, inspirierend und Welt verbessernd. Leider eben auch vorhersehbar und perfekt inszeniert als Performance.

Bequem für mich, vom Sofa aus den Vordenkern zu lauschen. Wozu soll ich noch um die Welt reisen, auf die großen Tech-Konferenzen, wenn ich die Aufzeichnung zu jeder Zeit und überall anschauen kann? Weil es nicht die Konferenz ist, die ich als Mitschnitt präsentiert bekomme. Ich sehe eine schillernde Show und bekomme einen Ausschnitt an Information. Das bereichert mich und erleichtert meinen dauernden Wissensstoffwechsel. Und doch, es ist nur ein Bruchteil dessen, was vor Ort passiert. Vor allem verfestige ich so meine Filterblase, durch die Auswahl die ich treffe.

Die Filterblase wurde 2011 vom Internetaktivisten Eli Pariser geprägt. Laut Pariser entsteht sie, weil im Netz unser Such- und Konsumverhalten analysiert wird, um uns gezielt passende Informationen zu selektieren. So werden wir isoliert von Informationen, die nicht unserem Standpunkt entsprechen. Filterblasen entstehen auch jenseits von Online-Algorithmen: Zuletzt beschrieben mir Strategen einer öffentlich rechtlichen Sendeanstalt ihre Filterblase in Gestalt von 80% weißen, männlichen Volontären, die alle grün wählen und aus ihrer Sicht von Welt Themenvorschläge unterbreiten. Welches Schlagwort auch immer: Ach da gab es doch diese coole Geschichte, oder? Diese Story, die das Thema umreißt und erzählt, die alle kennen, denen wir folgen in sozialen Netzwerken.

Wir suchen uns Geschichten und Menschen, die uns das bestätigen, was wir ohnehin glauben oder glauben wollen. Am liebsten vorsortiert und auf Relevanz gefiltert auf unseren handlichen Lebens-Aggregations-Smartphone-Bildschirmen.

Haben wir einen Mangel an Auswahl? Nein, wir können alles finden, lesen, verstehen. Wir müssen nicht vor Ort sein, um Argumente zu hören und verschiedene Perspektiven aufzunehmen. Ein Geschenk des digitalen Wissenszeitalters. Gehen wir so vor? Eher weniger. Wir filtern, registrieren, vereinfachen und vergessen. Unsere Filterblase gleicht einem prominenten TED-Talk, den wir so oft wiederholen bis daraus eine scheinbare Wahrheit geworden ist. Wir spüren Verbundenheit und wähnen uns auf derselben Wellenlänge, wenn wir die Posts unserer Follower-Blasen auf Online Netzwerken sehen. Verbundenheit auf Basis von vergleichbaren Geschichten und Buzz Words. Worum es in der Tiefe geht, dort wo die Argumente beginnen und die Kontroversen? Keine Ahnung, das passt nicht in die Kürze der Show.

Sind Konferenzen, die glänzenden Bühnen, auf denen nun wieder die Scheinwerfer eingeschaltet werden, deshalb verwerflich? Ich glaube nicht. Im Gegensatz zum digitalen Wissens-Konsum, der zeitlos bleibt und uns zu 100% am Steuer sein lässt, sind Konferenzen Atmosphären im Jetzt. Besucher, die eine Form von Neugier zusammengeführt hat, verbringen Zeit miteinander, jenseits der angespannten Diskussionskultur im Netz. Auf Konferenzen erleben wir Diskussionen, Pausen und die Momente dazwischen, um herauszufinden, dass es andere doch manchmal besser wissen als wir selbst. Raus aus der Blase inklusive Übernachtung, das tut uns gut!