Künstliche Intelligenz als letzte Kränkung – Digital Woodpecker TeleTalk 09/18

Künstliche Intelligenz als letzte Kränkung – Digital Woodpecker TeleTalk 09/18

Algorithmen?!?! Meine Nebensitzerin schaut mich entsetzt an und zieht die Augenbrauen hoch. Mitten in der Diskussion über digitale Nachbarschaftsnetzwerke habe ich ein Signalwort verwendet, das die Tischgesellschaft gegen mich aufbringt. Nun werden Geschichten geteilt von perfiden Automatisierungsprojekten in Unternehmen, von Entmenschlichung und dem blinden Vertrauen in die Technik. Sofortiger Entwicklungsstopp, so lautet die Forderung, keine weiteren KI-Projekte, Digitalisierungsverbot für Unternehmen.

Ich denke an ähnliche Angstszenarien aus Geschichtsbüchern im Angesicht der ersten Lokomotiven und Automobile. Gibt es ein Zurück in Vorwärtsdrang der Forschung? Woher kommt die Schwarz-Weiß-Diskussion in Unternehmen und an Stammtischen? Was nährt die Angst vor dem Unbekannten, vor der Veränderung, derenthalben viele Change-Projekte straucheln und Unternehmen unsere Hilfe suchen?

Kränkungen im menschlichen Bewusstsein

In der Literatur stoße ich bei Sigmund Freud auf die großen Erschütterungen durch historischen Fortschritt: Kränkungen für uns Zweibeiner in unserem naiven Narzissmus menschlichen Bewusstseins. Die kosmologische Kränkung geht auf Kopernikus Konto, der 1543 entdeckt hat, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Weltalls ist (Kopernikanische Wende). Die biologische Kränkung folgte 300 Jahre später, als uns Charles Darwin nachgewiesen hat, dass wir aus den Tieren hervorgegangen sind. Nur 4 Jahrzehnte später verpasste uns Freud die psychologische Kränkung mit der Libidotheorie des Unbewussten, die besagt, dass für uns ein großer Teil unseres Seelenlebens weder bekannt noch steuerbar ist.

Wir sind nicht die Sonne im Universum? Nicht die Mutter der Schöpfung?
Nicht der Herr im eigenen Haus? Und jetzt sollen wir noch unser
weiterentwickeltes Primatenhirn in die zweite Reihe stellen hinter ein
neuronales Netz?

Netz schlägt Gehirn

Das Computermodell des Geistes und damit die Aussicht auf Maschinen, die unsere geistigen Leistungen erreichen und sogar übertreffen, nimmt uns vielleicht die letzte Bastion der Hybris, dass sich die Welt um uns dreht. Unsere Selbstwahrnehmung wird erschüttert, da wir nur oberflächlich akzeptiert haben, dass unser Gehirn kein Geniestreich der Schöpfung ist, das von Grund auf für unsere Spezies konstruiert wurde. Wir tragen ein leicht verändertes Primatenhirn mit uns herum, dessen Überbleibsel unsere Art zu denken und unsere Stressmuster prägen.

Irgendwie ungerecht, wenn wir hinüber schauen auf die grüne Wiese, wo der Konkurrent gerade neu baut und mit neuronalen Netzen eine Software aus dem Boden stampft, die unserer eigenen weit überlegen ist. Das erinnert an den neidvollen Blick etablierter Unternehmen mit der Erblast gewachsener IT-Strukturen und Denkmuster hinauf zu Amazon & Co. Wir fühlen uns bedroht durch eine Schaltzentrale künstlicher Intelligenz, die unendlich viel mehr Datenpunkte und -knoten aufnehmen und verarbeiten kann als die schlausten Exemplare unserer Gattung.

Ich höre mich seufzen. Verstehen fördert Verständnis. Verständnis für den ewigen Kampf der Treiber gegen die Bremser und den Kampf der Zukunftsverklärer gegen die Bedenkenträger. Verständnis für Hilflosigkeit unter Mitarbeitern und Führungskräften, wenn der Vorstand oder Innovationschef von künstlicher Intelligenz schwärmt und uns damit den Spiegel unserer eigenen Begrenzungen vorhält.

Wege aus dem Dilemma

Selbstwirksamkeit wirkt gegen Ohnmacht. Für Unternehmensstrategen, CIOs und Führungskräfte heißt das Aufklären, Einbinden und Beteiligen. Wer konsequent aus Mitarbeiterperspektive ein KI-Projekt vorbereitet, der wählt andere Argumente, Use Cases und Testzyklen, um Erfolgserlebnisse und ein friedvolles Miteinander erlebbar zu machen. So entsteht Realismus auf Basis von eigener Erfahrung statt Verschwörungstheorie, die an Stammtischen kursiert. Wer sich seiner eigenen Angst vor der Ohnmacht des Menschseins bewusst ist, dem gelingt es vielleicht besser, im nächsten Change-Projekt die Sorgen seiner Mitarbeiter ernst zu nehmen.